Warum es Branchenlösungen überhaupt gibt
Branchenlösungen sind eine Antwort auf einen echten Mangel. Als der ERP-Standard Variantenfertigung, Projektabwicklung oder Chargenführung nur mühsam abbilden konnte, bauten Partner die fehlenden Stücke selbst: eigene Felder, eigene Masken, eigene Workflows, verpackt als Branchenschicht über dem System. Für viele Anbieter wurde daraus das Geschäftsmodell. Die Branchenlösung ist dort das eigentliche Produkt, das ERP darunter fast austauschbar.
Dieses Modell hatte seine Berechtigung. Die Frage ist nur, ob die Voraussetzung von damals heute noch gilt.
Der Preis, über den selten gesprochen wird
Wer eine Branchenlösung kauft, kauft drei Abhängigkeiten mit, die im Verkaufsgespräch selten vorkommen.
Die Release-Bremse
Microsoft liefert für Business Central zwei Release-Wellen pro Jahr, inklusive der KI-Funktionen. Jedes Update muss aber warten, bis die Branchenschicht nachgezogen hat. Je tiefer der Eingriff, desto länger die Wartezeit, und desto größer der Abstand zu dem, was der Standard längst kann.
Das gebundene Wissen
Die Logik der Branchenschicht kennt nur ihr Hersteller. Jede Anpassung, jede Fehlersuche, jede Erweiterung läuft über ihn. Das ist dieselbe Abhängigkeit, die viele Unternehmen aus ihrem Altsystem kennen, nur mit neuem Etikett.
Das Sonderdatenmodell
Sonderfelder und Sondertabellen kennt nur die Sonderlösung. Auswertungen, Schnittstellen und zunehmend auch KI-Funktionen arbeiten auf dem Standard-Datenmodell. Was daneben liegt, bleibt für sie unsichtbar oder braucht eigene Pflege.
Die Branchenlösung war die Antwort auf den Standard von gestern. Die Frage von heute lautet umgekehrt: Was deckt der Standard mit KI bereits ab, bevor wir eine Sonderlösung kaufen?
Was sich mit KI im Standard geändert hat
Die Lücke zwischen Standard und Branchenanforderung schließt sich seit einigen Jahren von der Standard-Seite her. Business Central bringt heute Copilot und erste produktive Agenten mit, dazu die Power Platform für alles, was konfiguriert statt programmiert werden kann. Vieles, wofür früher ein Branchen-Add-on nötig war, ist damit eine Einstellungs- und Prozessfrage geworden: Belegerkennung im Einkauf, Dublettenprüfung in den Stammdaten, Textvorschläge im Verkauf, ein Agent, der Bestellungen aus E-Mails anlegt.
Das gilt nicht bedingungslos. KI-Funktionen arbeiten auf Ihren Prozessen und Ihren Daten. Sind die Abläufe ungeklärt und die Stammdaten mehrdeutig, automatisiert KI die Unordnung, nur schneller. Die Reihenfolge bleibt: erst Prozesse und Datenbasis, dann Automatisierung. Aber wer diese Hausaufgaben macht, bekommt heute im Standard, wofür er früher eine Sonderlösung bezahlt hätte.
Wo Branchenlösungen berechtigt bleiben
Es gibt Felder, in denen spezialisierte Lösungen weiter ihren Platz haben: tief regulierte Prozesse mit Validierungs- und Dokumentationspflichten, echte Vertikaltiefe wie Kassen- und Filialsysteme, sehr spezielle Fertigungsverfahren. Der Unterschied liegt im Vorgehen. Eine Sonderlösung ist dann eine bewusste Ausnahme nach ehrlicher Prüfung, so klein wie möglich geschnitten. Sie ist nicht mehr der Ausgangspunkt, an dem sich alles andere ausrichtet.
Die neue Prüfreihenfolge
Für Unternehmen, die vor einer ERP-Entscheidung stehen, dreht sich damit die Logik um. Nicht mehr: Welche Branchenlösung passt zu uns? Sondern:
Erstens: die eigenen Prozesse aufnehmen und gegen den Business-Central-Standard stellen, nicht gegen den Prospekt einer Vertikale. Der Standard trägt Fertigung weiter, als viele denken.
Zweitens: die verbleibenden Lücken klassifizieren: Konfiguration, Power Platform, KI-Agent oder tatsächlich ein Add-on.
Drittens: nur dort ein Add-on einsetzen, wo ein Kernprozess anders nicht abbildbar ist, und es bewusst klein halten.
Genau diese Prüfung ist Beratungs-, nicht Verkaufsarbeit. Wir führen sie senior-geführt durch, mit der Steuerung auf Ihrer Seite und ohne eigenes Add-on im Gepäck, das verkauft werden will. Wie das im Projekt aussieht, zeigt die Business-Central-Einführung mit DGP.
Häufige Fragen
Ist der Standard für den Maschinenbau nicht zu generisch?
Seltener als gedacht. Varianten, Projektfertigung und Intercompany deckt Business Central im Kern ab; was fehlt, ist meist Konfigurations- und Prozessarbeit. Was im Maschinenbau wirklich zählt, haben wir separat beantwortet.
Was passiert mit unserer bestehenden Branchenlösung beim Umstieg?
Sie wird inventarisiert, nicht pauschal übernommen. Ein Teil der Funktionen ist im heutigen Standard angekommen, ein Teil war ein Umweg um alte Grenzen. Eine Bestandsaufnahme zeigt, welcher Rest wirklich eine Zukunft braucht.
Macht KI Branchen-Add-ons komplett überflüssig?
Nein. Sie verschiebt die Grenze deutlich in Richtung Standard und dreht die Beweislast um: Die Sonderlösung muss sich rechtfertigen, nicht der Standard.


